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Donnerstag, 12. Dezember 2019

Station 3: Ruanda, Mai 1994

Wenn Menschen ihre Nachbarn töten

Es war die schlimmste Reise meines Reporterlebens. Ich war Ende zwanzig, als ich hineinstolperte. Eben waren aus Ruanda, einem kleinen Land im ostafrikanischen Hochland, unvorstellbare Nachrichten nach außen gedrungen: Es habe einen Völkermord gegeben, mit hunderttausenden Toten. Innerhalb wenger Tage seien Männer, Frauen und Kinder der Tutsi-Minderheit in einem wahren Blutrausch von ihren Hutu-Landsleuten mit Macheten erschlagen worden. Doch Genaueres wusste man nicht. Es gab keine Bilder, und kaum Augenzeugenberichte. Fast alle Ausländer hatten Ruanda knapp vor dem Massaker verlassen.


Zwei Wochen später stand ich an der ruandischen Grenze und verbrachte eine schlaflose Nacht. Ein Offizier hatte mir und einer holländischen Kollegin angeboten, uns am nächsten Morgen über den Grenzfluss zu begleiten und zu zeigen, wie es dort drüben, in Ruanda, aussah. Soll ich? Soll ich nicht? Mir war übel vor Angst. Andererseits: War ich nicht genau deswegen hier - um zu erfahren, was passiert war, und darüber zu berichten?
Gespenstische Stille lag über dem Land, als wir am nächsten Tag im Schritttempo den Grenzfluss überquerten. Verlassene Hütten, leere Felder, sirrende Insekten, nur ein paar verirrte Hühner staksten umher. Nach ein paar Kilometern sahen wir sie: die ersten Leichen. Eine einzelne hier am Wegesrand, eine andere unter einer Bananenstaude, eine kleine Gruppe, achtlos übereinandergeworfen, in einem Bachbett. Man atmet flach in solch einem Moment. Den süßlichen, schweren Geruch von Verwesung vergisst man nie.

Da raschelte es plötzlich im Gebüsch, und zwei Frauen standen vor uns. Ob alles vorbei sei?, fragten sie. Sie waren auf dem Feld gewesen, als der Blutrausch losbrach, erzählten sie. Hatten sich hingekauert und bemüht, sich so wenig wie möglich zu bewegen, um von den  Mördern übersehen zu werden. Zwei Wochen lang hatten sie in ihrem Versteck ausgeharrt. Erst bei unserem Anblick hatten sie sich herausgetraut, und standen uns verwirrt gegenüber.

Was soll man reden in einem solchen Moment? Es fällt einem nicht viel ein. „Le Radio, le Radio“, stammelten die Frauen immer wieder.

Erst im Lauf der folgenden Wochen würde ich langsam verstehen, was sie meinten: Das Radio hatte eine zentrale Rolle bei diesem Völkermord gespielt. Über Jahre hinweg hatte es, im Auftrag radikaler Politiker, systematisch die Hutu-Mehrheit gegen die Tutsi-Minderheit aufgehetzt. In jedes Dorf trug das Radio seine Hassbotschaft: Tutsis seien „Verräter“, „Schlangen“, man dürfe ihnen niemals trauen. Sie seien allmächtig und gefährlich, und kaum ließe man ihnen zu viel Raum, würden sie alle Hutus unterjochen, trommelte das Radio. Diese Gefahr könne man nur auf einem Weg bannen: Indem man die Tutsis ausrotte; alle, samt ihren Kindern.

Jahrhundertelang hatten in Ruanda Hutus und Tutsis miteinander gelebt; Ackerbauern die einen, Viehzüchter die anderen. Sie sprachen dieselbe Sprache, lebten Tür an Tür, sie kannten einander gut. Doch als eines Morgens im Radio das Kommando zum Massaker ertönte, waren hunderttausende bereit, sofort zu folgen. Sie packten ihre Macheten und erschlugen ihre Arbeitskollegen, ihre Nachbarn, manchmal sogar ihre eigenen Ehefrauen.

Wir wissen aus der österreichischen Geschichte, was alles möglich ist. Seit meinen Tagen in Ruanda weiß ich: Es kann jederzeit wieder passieren.

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