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Montag, 23. Dezember 2019

Station 12: Zwischen der Slowakei und Wien, Mai 2013

Die unsichtbaren Betreuerinnen

Romana B. ist eine verständnisvolle, nachgiebige Frau. Wahrscheinlich: zu verständnisvoll, und zu nachgiebig. Sonst hätte der Ex-Mann nicht heimlich den Familienschmuck entwenden können, um seine Spielsucht zu finanzieren. Und sie auf seinen ganzen Schulden sitzengelassen, als er sich schließlich aus dem Staub machte. Ich lernte Romana B. kennen, als sie eben versuchte, ein bisschen Ordnung in das unverschuldete Chaos ihres Lebens zu bringen. Eigentlich hatte sie daheim in der Zentralslowakei Sonderschullehrerin gelernt. Aber nur in der 24-Stunden-Betreuung konnte sie genug verdienen, um die Schulden abzustottern. Sie ließ ihre zehnjährige Tochter in der Obhut der Großeltern zurück und ließ sich von einer Agentur nach Wien vermitteln. Romana B. kam als 24-Stunden-Betreuerin zu unserer Mutter.


Sie ist in diesen Jahren eine Vertraute geworden, die mehr intime Details über unsere Familie weiß als die meisten Verwandten. 24-Stunden-Betreuerin zu sein, ist nämlich kein Job, den man mit Dienstschluss hinter sich lassen kann. Eine Betreuerin geht eine enge Beziehung ein. Mit einem Menschen, der allein nicht mehr zurechtkommt – aber die Erinnerung an ein selbstständiges Leben womöglich noch mit sich herumträgt, und mit diesem Verlust hadert. Eine Betreuerin wohnt mit ihrer Klientin zusammen, manchmal sogar in unerträglicher körperlicher Nähe. Die Betreuerin trägt umfassende Verantwortung. Ist dabei sehr oft sehr einsam. Und bekommt kaum Unterstützung -  weder von den meisten Agenturen, noch von der Wirtschaftskammer, noch von den Behörden, der Gewerkschaft, und auch vom Gesetzgeber nicht.

Anders als vor hundert Jahren, als das „Hausangestelltengesetz“ den Dienstbotinnen zumindest das Recht auf ein eigenes versperrbares Zimmer und zwei Stunden Pause pro Tag zuerkannte, gibt es für eine Betreuerin heute nichts von alldem. Weil sie ja, zumindest pro forma, selbstständige Unternehmerin ist.

Dass die Versorgung alter und pflegebedürftiger Menschen in Österreich nicht längst zusammengebrochen ist – das ist Menschen wie Romana B. zu verdanken. Sie springen dort ein, wo Familien nicht mehr weiter wissen, und sich öffentliche Institutionen nicht zuständig fühlen. Im Business-Jargon kann man sagen: Ein Problem wird dauerhaft outgesourced. Einfacher ausgedrückt: Es wird unsichtbar gemacht. Das Leben der Betreuerinnen, ihr Stress, die eigenen Familienkonflikte, die der Zwei-Wochen-Schichtdienst mit sich bringt, und die Ausbeutung, die häufig passiert – all das geht Österreich wenig an.  Die Frauen werden benützt, solange sie können. Wenn sie erschöpft sind, ausgebrannt, dann bleiben sie irgendwann einfach zu Hause, in ihrem slowakischen oder rumänischen Dorf. Und Österreich holt sich eine Neue.

Ich bin fest überzeugt: Das kann keine Dauerlösung sein. Zwar will niemand von uns gern dran erinnert werden, selbst einmal alt, krank und pflegebedürftig zu werden. Aber Überraschung: Es wird den meisten von uns nicht erspart bleiben. Und es wäre günstig, sich darum zu kümmern, fairere, wertschätzendere und menschenwürdigere Modelle dafür zu entwickeln – rechtzeitig, ehe wir dement sind.

Romana B. hat inzwischen übrigens bei der Caritas eine Pflege-Ausbildung gemacht, die Prüfung bravourös bestanden, einen Job als Heimhelferin bekommen, ihren Lebensmittelpiunkt nach Wien verlegt, und ihre Tochter hierher geholt. Sie hat jetzt endlich eine eigene kleine Wohnung, in der sie nach Dienstschluss ihr eigenes Leben führen kann.

Ich bin Romana innig verbunden, und bis heute dankbar dafür, dass sie unsere Mutter in einer schwierigen Zeit betreute. Dennoch möchte ich politisch daran arbeiten, dass wir für diese große gesellschaftliche Problemzone bessere Lösungen finden. 

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